Was(ch) für ein Tag

Gestern war mit Abstand der längste Tag für mich bisher in Jujuy. Das liegt zum einen daran, dass ich ziemlich früh aufstehen musste und zum anderen daran, dass ich ausnahmsweise mal keine Siesta gemacht habe (,die man normalerweise wirklich braucht…). Während die anderen wie gewohnt auf unserer Dachterrasse vor sich hin schlummerten, habe ich meine dreckigen Klamotten gewaschen. Und zwar mit der Hand. Ja, ihr habt das richtig gelesen: Zum allerersten Mal in meinem Leben habe ich in einem echten Waschbecken echt dreckige echte Kleidung mit meiner echten rechten Hand gesäubert (mit der linken Hand habe ich meistens die Kleidungsstücke festgehalten, aber das möchte ich jetzt nicht weiter ausführen; auf Nachfrage selbstverständlich gerne!). Eine Erfahrung, die man mal gemacht haben muss. Ich werde sie wahrscheinlich ein ganzes Jahr lang machen. Handwäsche ist wirklich etwas tolles für einen WI-Freiwilligen. Es ist eintönig, einfach und anspruchslos. Eine willkommene Abwechslung zwischen all den neuen Eindrücken und Aufgaben im Einsatzland. Man muss dabei keine fremde Sprache sprechen, sich nicht in andere Kulturhintergründe hineinversetzen und man kann dabei nicht in die vielen kleinen Fettnäpfchen treten, die sonst an jeder Ecke auf dich lauern. Ein Ausgleich, der sich gewaschen hat also, um an die Flachwitz-Tradition unseres Vorbereitungseminars anzuknüpfen.

Außer Wäsche waschen habe ich übrigens nach ein paar andere Dinge gemacht gestern. Morgens habe ich zum zweiten Mal meinen zukünftigen Arbeitsplatz besucht: „La Fundacion Ceres“ im Armenviertel Cerro de las Rosas, von wo aus man die ganze Stadt überblicken kann. Das „Ceres“ ist ein relativ kleines Kinder- und Jugendsozialprojekt mit einem Kindergarten, einer Krankenstation und zwei Räumen, in denen Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung und Workshops angeboten werden. Das Projekt ist eigentlich ganz gut ausgestattet, aber viele der Spielsachen und Materialien sind schon lange kaputt und können nur noch schwer verwendet werden. Die Kinder haben dafür aber eine sehr ausgeprägte Fantasie. Gestern zum Beispiel fing plötzlich einer der Vorschulkinder an, einen Betrunkenen nachzumachen. Schnell war ein Polizist und ein Sanitäter gefunden, die ihn im imaginären Krankenwagen in ein Krankenhaus brachten, das aus einem kleinen Klapp-Tisch bestand. Ich sollte dann der Arzt sein und ihn operieren. Vorher hatte ich gar nicht gewusst, das man Betrunkene operieren muss, ich hab auch nochmal kritisch nachgefragt, aber als mir dann einfach jemand ein „Skarpell“ und die “Medizin” in die Hand drückte, war ich überzeugt.

Nachmittags habe ich die Radiostation besucht, die der „Fundacion Ceres“ angegliedert ist. Mittlerweile kann fast die ganze Stadt die sozialkritischen Beiträge der von Sozialarbeitern betreuten Jugendlichen und eingeladenen Gäste hören. Zudem werden viele ausländische Musikrichtungen vorgestellt. In der zugehörigen Bibliothek finden manchmal Workshops zu Drogenkonsum, Umwelt und anderen gesellschaftlichen Themen statt, an denen meistens auch Erwachsene teilnehmen. Danach bin ich nochmal zur Nachmittagsbeschäftigung der Kinder ins Projekt gegangen. Erst haben alle gemalt, was manche wirklich gut können (und andere eher nicht), und dann gings auf den Fußballplatz. Dort hat sich viel Potenzial für den geplanten Aufbau einer Fußballmannschaft gezeigt. Hier in Jujuy kann wirklich jeder Junge und auch viele Mädchen ziemlich viel am Ball zeigen, was daran liegt, dass sie oft nichts anderes machen, außer auf der Straße Fußball zu spielen. Leider besitzen sie nicht das Geld in Vereinen spielen zu können. Zwar gibt es vom Staat organisierte Stadtteil-Turniere, aber einwirklich betreutes regelmaessiges Training mit Augenmerk auf Teamgeist, Fairness und andere wichtige Werte gibt es nicht. Vielleicht gelingt es mir ja, ein regelmaessiges Training anzubieten und ein paar Freundschaftsspiele zu organisieren, aber das ist noch Zukunftsmusik. Ausserdem muesste ich mich noch um Baelle und anderes Trainingsmaterial kuemmern. Erstmal werde ich mich aber auf den Einstieg in die normale Projektarbeit konzentrieren.

Ganz liebe Gruesse aus Jujuy,

Euer Mario

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Eine Antwort zu Was(ch) für ein Tag

  1. Andre Bläsen schreibt:

    Hi Mario,
    Deine Mutter war so nett, mir den Link zu Deinem Blog zu schicken.
    Zur Erinnerung: Ich bin Dein ehemaliger Nachbar, aus Köln, der Typ mit dem blauen Auto..
    Ich sitze gerade hier auf der Feuerwache, lese die Berichte über Asado und erinnere mich lebhaft an mein erstes in Mendocino vor einigen Jahren. Meinem vollen Neid kannst Du Dir sicher sein!
    Zu den Ereignissen im Kindergarten, den Kindern, die Betrunkene spielen, möchte ich Dich im Namen meiner argentinischen Kollegen bitten, ihnen zu erzählen, daß die Operationen nach Suff unter größten Qualen und jahrelanger anschließender Pein stattfinden! Vielleicht bleiben dann einige der angehenden Erwachsenen trocken, die argentinischen Feuerwehrmänner müssen sich nicht mit pöbelnden Besoffenen rumärgern, auch die Krankenschwestern werden Dir im Falle des Erfolgs auf ewig dankbar sein!
    Viel Spaß noch,
    Andreas

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